Film- & Foto-Events, Mehr Hamburg
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Open Show Hamburg N°5

In einer zur Abendzeit etwas dunklen Straße nahe des Hamburger Hauptbahnhofs biegen eine Freundin und ich am Donnerstag in einen kleinen Hinterhof ein. Wir sehen offenbar unsicher aus, „Wollt ihr zur Ausstellung?“, fragt der nette Türsteher mit den breiten Schultern. Er hat das Konzept des Foto-Events Open Show Hamburg wohl nicht so ganz verstanden. Nichtsdestotrotz treten wir in einen Raum, der für jegliche Kreative wie gemacht ist.

Die Location Projekt/Loft.23 hat weiße, rauhe Wände und eine meterhohe Decke. Neben dem Eingang steht ein riesiges Regal, das mit bunten Büchern gefüllt ist. Irgendwo lehnt ein Fahrrad und es gibt eine kleine Sitzecke mit Sofas, in der es sich bequem machen kann, wer zwischendurch Rückenschmerzen bekommt.

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© Open Show Hamburg

Schwarze Industrielampen baumeln über der Bar, über der es noch eine hochbett-ähnliche zweite Etage zu geben scheint. Doch die Stufen blockiert eine Anziehpuppe mit Kopfhörern. Sie blickt gespannt in Richtung Leinwand. Bei der Open Show geht es allerdings nie direkt los, ich glaube das gehört zum Konzept: erstmal ankommen, den Raum auf sich wirken lassen und mit interessanten Leuten ein Pläuschchen halten.

Vier Euro für eine Weinschorle finde ich persönlich etwas teuer, aber ich weiß, dass ich davon nicht viele brauche, um hier einen netten Abend zu haben. Außerdem kostet die Veranstaltung selbst nichts und das Line-up ist auch diesmal wieder vielversprechend. Das Tolle: Es gibt nicht nur die Bilder, sondern auch die Geschichten dahinter. Außerdem wird das Publikum dazu animiert, gerne auch reinzuquatschen.

Menschen im Müll

Open Show Hamburg Kevin McElvaney

Kevin McElvaney © Open Show Hamburg

Den Anfang macht Kevin McElvaney, der sich unverständlicherweise noch immer als Amateur-Fotograf sieht. Letztes Jahr beschließt er, seine Leidenschaft zu professionalisieren. Ganz gezielt unternimmt er eine Projektreise nach Afrika und zwar zu einer aus den Medien bekannten Mülldeponie in Ghana. Dort landet all unserer Elektro-Schrott. In der Hügellandschaft aus Metall und sonstigem Abfall will er Menschen kennen lernen, die hier mit Absicht leben.

Sammler, von denen jeder vielleicht ein ungefähres Bild im Kopf hat, nicht aber eines mit Gesicht und Lebensgeschichte. Er stellt die Schwarzafrikaner auf einen geeigneten Gegenstand aus dem Müllhaufen. Das kann zum Beispiel ein PC-Bildschirm sein. So schießt er in einer Woche ein Portrait nach dem anderen, seine Foto-Modelle freuen sich über das Interesse.

OpenShow-1027Kevins Bilder zeigen schöne Menschen, stolze Menschen, die im Grunde nichts haben. „Das Beste, was du hier finden kannst, sind zwei gleiche Schuhe“, erzählt einer von ihnen. Wie die anderen Müllsammler hat auch er Kopfschmerzen, dagegen hilft ein Wasser-Gemisch aus Aspirin und Zitronensirup (so schmeckt es zumindest). Nur den Schmerz über den Tod seiner kompletten Familie lindert das Getränk nicht.

Als deutscher Fotograf mit Hoffnung auf ein „visa on arrival“ in Ghana einzureisen, ist übrigens das eine, aber von dort weiter nach Nigeria zu kommen, ist noch einmal etwas ganz anderes. Nach dem missglückten Versuch ist Kevin so enttäuscht, dass er alle Bilder seiner Reise zunächst in eine Ecke verbannt. Erst deutlich später holt er sie wieder hervor, um sie Redaktionen anzubieten. Nach kurzer Stille im Pressewald beginnt Kevins Siegeszug beim Stern und dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera.

Nackte Menschen in der Küche

Open Show Hamburg Simon Puschmann

Simon Puschmann © Open Show Hamburg

Das komplette Kontrastprogramm bietet Simon Puschmann. Sein Vortrag beginnt mit chromglänzenden Autos auf tadellosem Asphalt. Als Werbefotograf für motorisierte Luxusgüter hat sich Simon bereits einen Namen gemacht. Doch dann gibt es noch diese andere, experimentierfreudige Seite an ihm. Ein Jahr lang fotografiert er jeden Tag mit einer Leica-Kamera alles, was ihm gerade so vor die Linse kommt. Er nimmt die M Monochrom auch mit auf seine vielen Reisen.

Warum sind eigentlich silberne Metallstühle interessanter, nur weil sie in Wien stehen, und weshalb nur wirkt ein Teppich aus Hollywood gleich glamourös, frage ich mich. Ich mag die Momentaufnahmen und vor allem, dass Simon sie zu einem Film verschmelzen lässt. Doch insgeheim sucht mein Geist nach dem roten Faden in alledem. Ich glaube es geht darum, dass es diesen gerade nicht gibt. Eine interessante Hinleitung auf das, was dann kommt:

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© Open Show Hamburg

Seit einiger Zeit arbeitet Simon an einem Projekt, bei dem er Wildfremde anquatscht, ob Sie sich nackt fotografieren lassen würden und zwar nicht irgendwo, sondern in ihrer eigenen Küche. Männer, Frauen, Dünne, Dicke aus unterschiedlichen Ländern – der Fotograf will die ganze Bandbreite abbilden. Als ihm ein Mann offen ins Gesicht sagt „Du könntest mich ja auch abstechen“, antwortet er nur, davor habe er genauso viel Angst.

Einige seiner Models generiert er über Mund-zu-Mund-Propaganda, bei anderen, wie auf den Straßen Lissabons, kostet es ihn mehr Überredungskunst. Neun Bilder werden pro Person veröffentlicht. In jedem Foto soll er oder sie ein Kleidungsstück ausziehen und dabei idealerweise noch irgendetwas anderes tun. Da gibt es in jedem Haushalt ja genug Möglichkeiten, was zu ganz individuellen Szenen führt.

Menschen auf Festivals

Open Show Hamburg Kai Müller

Open Show Hamburg © Kai Müller

„Seid ihr auch Fotografen?“, frage ich eine sympathische Frau, die zufällig nehmen mir steht? Einfach nur, weil mich interessiert, in was für einem Klientel ich mich gerade tummele. „Nein“, sagt sie lächelnd, „Wir sind Freunde von Kai und wir sind auch gerade erst gekommen“. Kai Müller, der in Berlin lebt und arbeitet, gibt vor seinem Auftritt offen zu, dass er sehr nervös ist. Vermutlich hat er sich entsprechend über den Support gefreut.

Der Fotograf entführt uns Zuschauer nach Island auf ein kleines, aber besonderes Metal-Festival. Das Eistnaflug ist das härteste Musikfest des Landes. Kevin hat sich auf die Fahne geschrieben, Konzerte in Bildern einzufangen, aber so, dass man auch die Konzertgänger sieht und die Stimmung auf dem Gelände spürt.

OpenShow-1041Während Metal-Fans auf dem deutschen Wacken vielleicht mittlerweile eher genervt von der Journaille sind, fängt Kai intensive Blicke von Skandinaviern ein. Seine spontan gewählten Models posieren nicht und haben dennoch einen ganz eigenen Look. Schwarze Schminke auf nordisch heller Haut, Bierdosen, die auf einer grünen Wiese stehen und dazu die Berge, die im Hintergrund der Konzerthalle aufragen – Kai Müller findet in Island alles, was er für seine Fotoserie braucht.

Menschen zwischen schön und vergänglich

Open Show Hamburg Carsten Witte

Open Show Hamburg © Carsten Witte

So wie Carsten Witte auf der Bühne sitzt, könnte er alles sein – vom etwas reiferen Model bis hin zum Top Manager. Schönheit ist sein Thema, vor allem die des weiblichen Körpers. Seine Bilder: hochgradig ästhetisch. Man schaut die unbekleideten Frauen an wie ein Kunstwerk, ohne dabei diesen starren Blick nach vorn zu simulieren, damit auch ja keiner merkt, dass man die Körper mit den Augen abfährt.

Aber was Carsten in den letzten seiner vielen Berufsjahre noch vielmehr reizt als das Makellose, ist der Übergang von Schönheit zu Vergänglichkeit. So inszeniert er Models als Schmetterlinge und hängt sie nebeneinander auf – wie der Präparator seine Falter. Schon als Kind faszinierte den Hamburger, wie man die Tiere aufspießt, um ihr strahlendes Äußeres zu bewahren.

Für eine andere Foto-Serie legt er Schädel aus einem Museum optisch über die Gesichter von Frauen, sodass beispielsweise die langen Zähne hervortreten. Eine gern genommene Abwechslung für Foto-Magazine & Co. Carsten darf in Amerika ausstellen und hat sogar ein Angebot nach New York zu ziehen. Aber warum weggehen, wenn er in Hamburg Bilder machen kann, die reif für New York sind, fragt sich der norddeutsche Könner.

Würde er nicht hier in der Hansestadt leben, hätte er vielleicht auch nie von der ersten Open-Show-Reihe Deutschlands erfahren und sich nie gemeldet, kostenlos in einem Loft hinterm Hauptbahnhof von seinen Projekten zu erzählen. Ein großes Glück also, ihn auf der Bühne zu sehen. Die Open Show Hamburg findet übrigens alle paar Monate statt.

Titelfoto © Open Show Hamburg

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